Die große Liebe Strick

Die 80er Jahre. Das Jahrzehnt der Opulenz, der Übertreibung in der Mode. Der extrovertierte, stilistische Ausdruck einer von Sorglosigkeit und Dekadenz geprägten Dekade, welcher 1988 die Initialzündung für das kreative Konzept von Cividini, einer Traditionsmarke aus Bergamo, lieferte.
„Damals dachten wir, die Zeit sei reif für einen modischen Gegenentwurf“, erinnert sich Piero Cividini, der sein selbstbenanntes DOB-Label bis heute mit seiner Frau Miriam betreibt. „Wir wollten etwas anderes machen, etwas Puristisches und Zurückhaltendes, gewissermaßen eine Antithese formulieren zum Glamour der 80er. Wir konzentrierten uns zunächst auf Kaschmir, weil dieses Material absolute Wertigkeit impliziert und auch simpel verarbeitet schon für sich spricht.“
Eine Philosophie, die letztlich bis heute Gültigkeit hat. Der Cividini- Look besticht durch ein modernes Design, raffinierte Oberflächen in immer wieder überraschenden Facetten, fließende Silhouetten, erstklassige Materialien und ein toniges Farbspektrum, das nur hier und da ganz subtil die Trendnuancen der jeweiligen Saison aufgreift – sowie eben diese ganz besondere Allure. Passend zur Frau, die das Label tragen soll: „Unsere Kundin orientiert sich nicht zwingend an aktuellen Trends, vielmehr wählt sie aus dem vorhandenen Angebot das aus, was zu ihr passt. Sie hat ihren Stil gefunden, weiß, was ihr steht, hat ein Auge für Qualität und vor allem die Kultur und den Intellekt, die Merkmale selbiger, wie erstklassige Materialien und eine gute Verarbeitung, zu identifizieren“, skizziert der Cividini-Chef seine Wunschkundin.
Leidenschaft für das Sujet
Wenngleich auch vor allem im Sommer viele konfektionierte Styles die Kollektion prägen und man diese Tendenz auch künftig weiter forcieren möchte, das Aushängeschild ist und bleibt Strick. Und das kommt nicht von ungefähr, wie Cividini, den man auch als ‚Magier der Maschen’ tituliert schwärmerisch in Worte fasst: „Strick ist eine Liebe, der man verfallen muss. Am Anfang hast du nur einen Faden, aus dem du alles kreieren kannst. Du musst dich auf dieses Abenteuer einlassen wollen, Lust haben, zu experimentieren und sehr viele Phasen durchlaufen, um am Ende ein Ergebnis zu erzielen, mit dem du glücklich wirst. Und natürlich musst du dich mit den Techniken und den Maschinen sehr gut auskennen, um überhaupt erahnen zu können, welche Möglichkeiten du hast. Anders als bei fertigen Stoffen, wo bereits jemand vorgedacht hat, fängst du bei Strick immer bei Null an.“
Der Wandel der Zeiten
Das Feld neu aufzurollen galt es für Cividini auch in diesem Jahr im Hinblick auf die Unternehmensstruktur. Im ersten Schritt trennte man sich von einem langjährigen Partner, der Herstellerfirma Mc Adams, und integrierte die Produktion der Strickwaren und Lederaccessoires in die eigene Firmenstruktur, um flexibler auf die wachsenden und sich ständig wandelnden Anforderungen des Premium- Segments reagieren, und außerdem höhere Verarbeitungsstandards, einen noch effizienteren Produktionsablauf und strengere Qualitätskontrollen gewährleisten zu können. Für die Umsetzung der Stoffkollektion konnte man das Unternehmen Paci in Padua gewinnen, das sich auf hochwertige Pret-à-Porter-Mode spezialisiert hat. Für die Strick-Edition strebt man indes eine explizite Betonung von Handwerklichkeit an, die aktuell in der Gesellschaft im Zuge des Nachhaltigkeits-Trends wieder verstärkt geschätzt wird. Um die vielfältigen Insignien und Ausdrucksformen des viel beschworenen Hand-Made-Charakters zu illustrieren, arbeitet man zudem eng mit unterschiedlichen traditionellen Handwerksbetrieben in Italien zusammen, die dafür Sorge tragen, dass die Auszeichnung ‚Made in Italy’ auch den damit einhergehenden Ansprüchen an Optik und Verarbeitung standhalten kann.
Die Verkündung des neu erwachten, kollektiven Qualitätsbewusstseins unter den Konsumenten beobachtet Piero Cividini vorerst allerdings eher skeptisch. „Wir setzen seit jeher auf mittel- bis langfristige angelegte Geschäftsstrukturen und verstehen uns insofern traditionell als nachhaltiges Unternehmen. Natürlich spielt es uns jetzt in die Karten, dass unter sozial- und umweltverträglichen Voraussetzungen generierte Produkte wieder verstärkt nachgefragt werden. Allerdings bleibt abzuwarten, wie lange dieser Boom anhält. Denn vielerorten ist die Betonung von Nachhaltigkeit doch nur wieder ein neues Vermarktungsinstrument, das die Menschen lediglich für eine kurze Weile zu fesseln vermag. Aber natürlich hoffe ich, dass sich dieses Bewusstsein zumindest bei einem Teil unserer potenziellen Kunden dauerhaft etablieren wird.“
// Silke Bücker
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TM No. 06 | Mai 2013
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